Sex Work and Human Rights

Kommentar zum taz-Artikel „Debatte um Prostitution in Südkorea: Frau Kim kämpft um ihren Job“

Sex workers and allies protest in front of the South Korean Constitutional Court. © 2015 Research Project Korea. All Rights Reserved.

Sexarbeiter*innen und Unterstützer*innen protestieren vor dem südkoreanischen Verfassungsgericht. In der Mitte: Frau Kim Jeong Mi. © 2015 All Rights Reserved.

Due to time constraints, this article will not be translated into English. Please see a short summary at the bottom.

Kommentar zum Artikel „Debatte um Prostitution in Südkorea: Frau Kim kämpft um ihren Job“ von Fabian Kretschmer (taz, Politik/Asien, 1.8.2015).

Titel: Gut.

Prostitution wird als „Job“ bezeichnet, damit also Sexarbeit als Arbeit anerkannt.

Foto: Gut.

Gezeigt wird nicht etwa eins der üblichen Bilder von Bordellen, in denen in Südkorea nur noch vergleichsweise wenige Sexarbeiterinnen arbeiten, sondern ein Bild vom Protest südkoreanischer Sexarbeiterinnen im Jahr 2011. Noch besser wäre gewesen, es wäre ein Bild vom Protest im April diesen Jahres vor dem Verfassungsgericht verwendet worden. (siehe oben)

Bildunterschrift: Gut.

Ein direktes Zitat von Sexarbeiterin Kim Jeong Mi.

Terminologie: Mangelhaft.

Es wird höchste Zeit, dass die taz endlich die Begriffe Sexarbeit und Sexarbeiter/Sexarbeiterin in ihr Stilbuch aufnimmt. Südkorea „exportiert“ auch keine Sexarbeiter*innen, sondern diese nehmen die vergleichsweise geringeren – aber nicht geringen – Risiken auf sich, im Ausland zu arbeiten, weil die Verdienstmöglichkeiten dort oft besser sind als in Südkorea, wo ihnen ohnehin Razzien, Verhaftungen und Strafen drohen. Der Ausdruck „exportiert“ ist also sowohl unzutreffend – weil Südkorea ja nicht direkt die Migration von Sexarbeiterinnen unterstützt, sondern die harsche Gesetzeslage und die damit einhergehenden Repressionen Sexarbeiterinnen zur Migration zwingen – als er auch unpassend ist, denn Sexarbeiterinnen sind Menschen, die migrieren, keine Ware, die exportiert wird. Auch von einem Marktwert einer Sexarbeiterin zu schreiben, zeugt nicht gerade von Fingerspitzengefühl.

Fakten-Check: Ausreichend

1. Legalisierung vs. Entkriminalisierung

Was die Forderung von Sexarbeiterinnen angeht, ist der Artikel leider zu oberflächlich. Die Forderungen divergieren: wohingegen Frau Kim und die sie unterstützende Organisation Hanteo, Nationale Vereinigung für Sexarbeiterinen, für die Legalisierung regulierter Rotlichtbezirke eintritt, da Hanteo nämlich auch Betreiber*innen angehören, fordern unabhangige Sexarbeiter*innen und Giant Girls, Netzwerk für die Rechte von Sexarbeiterinnen, die generelle Entkriminalisierung der Sexarbeit. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Forderungen ist sehr wichtig und etwas, das man von Journalist*innen gerne erklärt sehen würde, damit Leser*innen die Thematik besser verstehen können.

2. „Kim … verklagte den südkoreanischen Staat“

Richtig ist: Frau Kim verteidigte sich gegen ihre Anklage mit den im Artikel erwähnten Argumenten und verlangte eine verfassungsrechtliche Überprüfung des Anti-Sexhandelsgesetzes, die Oh Won Chan, der Richter der Verhandlung beim Bezirksgerichts in Nord-Seoul, daraufhin einreichte. Dass ein Richter diese Überprüfung einreichte, macht sie so bedeutend, denn vorherige Anfragen zur verfassungsrechtlichen Überprüfung des Gesetzes wurden jeweils von Privatpersonen eingereicht.

3. Zahlen im Allgemeinen und im Speziellen

Die jüngsten Schätzungen – nichts anderes sind sie – sind nicht aus dem Jahr 2007, sondern von 2010. Sie wurden Anfang 2012 schließlich veröffentlicht. Der Bericht mit dem Titel “ Umfrage zum Sexhandel 2010” wurde vom Institut für Gender-Forschung an der Seoul National University angefertigt. Im Vergleich zum Bericht von 2007 hatte das Institut einen Anstieg der Rotlichtbezirke von 35 auf 45 und der Anzahl von dort beschäftigen Sexarbeiterinen von 3.644 auf 3.917 festgestellt. Dieser Anstieg passte natürlich dem auf die Utopie einer Abschaffung der Sexarbeit hinarbeitenden Ministerium nicht, weswegen er zunächst einmal in einer Schublade verschwand.

Nach eingehendem Vergleich mit dem Artikel Choe Sang-Huns in der New York Times – Suit Has South Korea Looking Anew at Its Hard Line on Prostitution – liegt der Verdacht nahe, dass hier schlicht eine gekürzte Version in deutscher Sprache veröffentlich wurde. So stammen die in Choes Artikel erwähnten 8.600 Fälle der Prostitution, in denen Südkoreas Polizei angeblich „derzeit“ ermittelt, vom Jahr 2013, und bei der Anzahl der Sexarbeiterinnen wurde offenbar auf glatte Summen aufgerundet. Das ist so ungenau wie es unnötig ist. Ebenso unnötig ist die Aussage, Prostitution sei in Südkorea „so allgegenwärtig wie in kaum einen anderen OECD-Staat“, denn es gibt keine verlässlichen Zahlen, auf die sich solche Behauptungen stützen ließen, auch in Südkorea nicht. Die sogenannten Regierungsschätzungen sind in Wahrheit zweifelhafte Schätzungen von Forschungsinstituten.

4. Todesfälle von Sexarbeiterinnen

Gut ist, dass das Feuer in Gunsan Erwähnung findet. Allerdings war dies kein isolierter Fall. Fünf Sexarbeiterinnen starben bereits bei einem ersten Feuer in Gunsan im Jahr 2000; 2001 kamen vier weitere Sexarbeiterinnen bei einem Feuer in Busan ums Leben; dann starben wie im Artikel erwähnt 14 weitere Sexarbeiterinnen bei einem zweiten Feuer in Gunsan. Durch diese Verkettung extremer Unglücksfälle gelang es Prostitutionsgegnerinnen danach, eine Verschärfung der Prostitutionsgesetzbegung durchzusetzen.

Fazit: Befriedigend

Alles in allem ist Fabian Kretschmers Artikel einer der besseren, aber insbesondere die teils sehr unpassende Wortwahl und der unnötige Fokus auf nicht belegte, nicht aktuelle und ungenau wiedergegebene Zahlen sind sehr zu bemängeln. Es gibt einige Anzeichen, die vermuten lassen, dass hier der Beitrag von Choe Sang Hun in der New York Times „recycled“ wurde, der im Vergleich sehr viel mehr Einblicke in die aktuelle Situation von Sexarbeiterinnen in Südkorea bot. So wäre besonders eine genauere Erklärung wünschenswert gewesen, für welche Rechte sich Sexarbeiterinnen in Südkorea engagieren, da dies auch in Hinsicht auf die aktuelle Debatte in Deutschland interessant ist. Zum anderen wäre es angebracht gewesen, das südkoreanische Prostitutionsgesetz genauer zu beleuchten, von dem Prostitutionsgegner*innen wiederholt behaupten, es ähnelte dem Schwedens, was eine glatte Lüge ist. In dem Zusammenhang hätten weitere Einzelheiten über Menschenrechtsverletzungen bei Polizeirazzien in Südkoreas Rotlichtbezirken erwähnt werden können. Positiv zu erwähnen ist die gute Wahl des Titels, des begleitenden Fotos und der Bildunterschrift, und dass überhaupt über dieses Thema berichtet wird. Angesichts der üblichen Berichterstattung über Sexarbeit bzw. über Südkorea ist dies nämlich durchaus keine Selbstverständlichkeit.


The above are a few quick comments about Fabian Kretschmer’s article “Debate about prostitution in South Korea: Miss Kim is fighting for her job”. While overall, the article is informative and provides some of the key points of the current debate in South Korea, the terminology used is inept and a quick fact check reveals several inaccuracies and crucial omissions. As is often the case, Mr Kretschmer (or his editor) seem to have felt the need to include statistics, although no reliable data about sex work in South Korea is available, not even in the reports commissioned by the Ministry of Gender Equality and Family. Positive are the choice of title, photo and caption, all of which are by no means a matter of course, and the fact that a German newspaper reported at all about the ongoing constitutional review of South Korea’s Anti-Sex Trade Law.

3 responses

  1. Frans van Rossum

    Thanks for your comment on Mr. Kretschmer’s article.

    After I had read your comment, I read the article again and found it even more unfocused that at first reading. It takes Ms. Kim’s achievement – to get her judge request a reconsideration of South Korea’s Prostitution Law – as a mere point of departure for a superficial survey of the country’s sex work condition, probably (I don’t know) based on easily accessible information, or even leaning on info in a NYT article – with or wihout fact checks. After the initial paragraphs Ms. Kim disappears forever.

    Your comment makes clear what an extraordinary result her solo-action had – and what should have been the focus of Mr. Kretschmer’s article, I think: to get the highest court of a country involved in the sex work. To me that seems to be rather unique, maybe (I don’t know for sure) from a global perspective.

    Wouldn’t it be powerful if some (misguided) act by law enforcement in Germany or Holland would cause a sex worker to go to court with her case and gets it in the end all the way to our respective constitutional courts challenging the policy makers’ or legislature’s tactical attempts at back tracking on the respective (organized) sex work legalization laws under false vague and assorted pretenses such as “It doesn’t work” and the intentional equation with sex trafficking? The question would be here if governments on all levels are allowed to discriminate, stigmatize and smear a legal profession and the professionalists collectively, and to make performing sex work more hazardous for sex workers by intentionally driving it underground. Legally it is ultimately a human rights issue, a nation’s constitutional obligation to protect the life and life situation of all citizens, not in the least the right to have their legal profession protected by the law just like any other profession.

    This is an issue that deserves the attention and opinion of the highest courts.
    In her country, Ms. Kim achieved this. Kudos!

    August 3, 2015 at 2:40 pm

  2. Fabian Kretschmer

    Thanks for your feedback!
    I can understand your frustration about some of the content but on the other hand I also want you to keep in mind that working as a freelance journalist means working under various restraints: Of course I wish I could invest more time for my research but if I want to acheive a sustainable business model, I just can´t. Some of the inaccuracies with terms and data are also owed to the readability of the text. Last but not least i am very limited in terms of space: It´s just not possible to tell Ms Kims acheivements in all aspects without leaving out important statistics etc. if -you only have 4.000 characters.
    Unfortunately I didnt know about your research project before finishing my text. Otherwise I would have definitely contacted you in advance.
    All the best,
    Fabian

    August 3, 2015 at 3:25 pm

    • Thanks for your response, Fabian. I do acknowledge some of the restraints of not only freelance journalists but journalists in general and I’m also aware that freelance journalism isn’t necessarily a well-paying endeavour at all times – independent research isn’t either. I appreciate that you responded and wouldn’t want to appear standoffish, but in my view, reporting inaccurate data derived via contested methodology has nothing to do really with how many characters an article is allowed to have, just as describing migrant sex workers as “exported prostitutes” has nothing to do with a sustainable business model.

      Statistics about informal economies should always be treated with suspicion, so I would say that if one decides to include them, then one automatically needs to factor in the time to do the additional research about them, or one needs to leave them out entirely. There actually are no “important statistics” about sex work in South Korea, apart perhaps from how many people willing to exit sex work have made use of services offered by NGOs, shelters etc. The research methodologies of the reports commissioned by MOGEF are questionable at best.

      Writing about marginalised communities surely is a learning curve but thankfully, there are tools to make progress on that front. See “A Guide to respectful reporting and writing on sex work” A joint production of Sonke Gender Justice, Sisonke Sex Worker Movement, Sex Worker Education and Advocacy Taskforce, and Women’s Legal Centre, December 2014.
      Article | Full Guide

      As I hope my initial comments made clear: I did appreciate that you wrote the article since German news reports about Korea – North or South – are all too often poorly researched, not only when it comes to the subject of sex work, or simply reprises of earlier reports.

      Should you write anything about the subject in the future, feel free to contact me. It goes without saying that the best points of reference are sex workers themselves, and should you ever choose to contact a sex worker organisation with an interview request, I recommend reading Maggie’s Toronto “Note to researchers, students, reporters and artists who are not sex workers” as a starting point.

      Time constraints and financial sustainability must take a back seat to ensuring that reporting about a community as marginalised as the sex worker community is respectful and doesn’t add to the existing discrimination and stigma, as well as to the often unchallenged misinformation.

      Best of luck,
      Matthias

      August 5, 2015 at 2:23 am

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